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Alphabetisierung/Basisbildung/Literarität - deutsche Muttersprache

Antje Doberer-Bey, VHS Floridsdorf, Wien
In Kooperation mit Brigitte Bauer, abc-Salzburg; Otto Rath, ISOP Graz; Leander Duschl, VHS Linz

Fundierte Basisbildung mit gefestigten Kenntnissen im Lesen, Schreiben und Rechnen wird in Österreich als Land mit bestehender Schulpflicht vorausgesetzt. Trotzdem haben 300.000 Erwachsene (3% der erwachsenen Bevölkerung) Schwierigkeiten Alltagstexte zu lesen, zu verstehen und zu schreiben und/oder rechnerische Operationen des Alltags auszuführen. Basisbildungskenntnisse sind Voraussetzung, um an demokratischen Entscheidungsprozessen zu partizipieren und eigene Interessen wahrzunehmen; für den Zugang zu (Weiter-)Bildung, Arbeitswelt und Kultur.

Die geltenden Zahlen gehen auf Schätzungen der UNESCO für westliche Industriestaaten (1989) zurück und werden heute in Anbetracht der technologischen Entwicklungen für Informationsgesellchaften auf 8-15% revidiert: sich entwickelnde Informationstechnologien und neue Arbeitsstrukturen stellen neue Anforderungen an die schriftsprachlichen Kompetenzen des Einzelnen. Die Europäische Union berücksichtigt dies seit einigen Jahren in den Empfehlungen an die Regierungen und in Richtlinien für Förderprogramme im Bildungsbereich.

1. Begriffsklärung

In der öffentlichen Diskussion finden sich Begriffe, die teilweise auf Definitionen der UNESCO (1945, 1976) zurückgehen. Im anglo-amerikanischen Raum sind 'literacy'/'illiteracy' und 'basic skills' gebräuchlich. 'Literacy' = 'Literarität' ist positiv konnotiert und umfassender in der Bedeutung als die deutschen Begriffe, die individuell-defizitorientiert sind:

  • Primärer Analphabetismus: Buchstabenkenntnisse sind vorhanden, reichen jedoch nicht aus, um zu schreiben und einen einfachen Text zu lesen oder Operationen mit Grundrechnungsarten durchzuführen.
  • Sekundärer Analphabetismus: Grundkenntnisse wurden in der Schule erworben, aber aufgrund von Vermeidungsstrategien wieder verlernt -- impliziert, dass die Schule die notwendigen Kenntnisse vermittelt hat. Es wirft allerdings die Frage nach der ausreichenden Festigung von Kenntnissen auf.
  • Funktionaler Analphabetismus: die vorhandenen Kenntnisse reichen nicht aus, um schriftsprachliche oder rechnerische Belange des beruflichen und privaten Alltags selbständig abzuwickeln. International anerkannt, setzt dieser Begriff die Kenntnisse in Beziehung zu den jeweiligen gesellschaftlichen Erfordernissen, um in obigem Sinne Funktionen zu erfüllen und als mündiger Bürger am gesellschaftlichen Geschehen teilhaben zu können.

2. Zur Situation in Österreich

Das Phänomen des 'funktionalen Analphabetismus' wurde in vielen westlichen Industriestaaten bereits in den siebziger Jahren als Problem erkannt und darauf mit entsprechenden Maßnamen reagiert: Medienkampagnen, zentrale Anlaufstellen, flächendeckende Kursangebote. In Österreich wurde erst anlässlich des von den Vereinten Nationen 1989 ausgerufenen Internationalen Jahres der Alphabetisierung, 1990 das erste Pilotprojekt gestartet: finanziert vom Ministerium für Unterricht und Kunst, angesiedelt an der Volkshochschule Floridsdorf, Umsetzung des vom Verband Wiener Volksbildung entwickelte Konzeptes. Einzelinitiativen von engagierten Personen gibt es in ganz Österreich, die jedoch durch die Bindung an Personen wieder 'einschlafen', wenn die institutionelle Einbindung und Förderung nicht gelingt.

Basisbildung als Grunderfordernis moderner Gesellschaften ist in den 90er Jahren in Wien verschiedentlich Thema internationaler Tagungen gewesen:
1996: Tagung der 'World Association of Public Employment Services WAPES: Adult Illiteracy and Innumeracy' zum Thema Grundbildung im Arbeitskontext.
1998 Tagung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft: 'Kommunikationsverlust im Informationszeitalter'. Im abschließenden Grundsatzpapier Formulierung von Prinzipien für Aktionen und Forderungen an die Regierungen der europäischen Länder.
Veranstaltungen des ISOP Graz:
Oktober 1999: "Bildungs(ab)grund Grundbildung" Internationale Fachtagung in Graz
März 2000 Workshop zum Thema "Berufsbezogene Assistenzleistungen"
Februar 2001: "Kein Alfa und kein Omega" -- Workshop und PolitikerInnendiskussion zur Situation der Grundbildung
30. Oktober 2001 Internationale Tagung -- "Berufliche Basisbildungsprogramme für Jugendliche."
Herbst/Winter 2001 Enquete des steirischen Landtages zum Thema "Grundbildungsdefizite Erwachsener in der Steiermark."
Eingerichtete Stellen mit Infrastruktur und Kursangebot:
WIEN Volkshochschule Floridsdorf
Oktober 1990-1995 Pilotprojekt. Aufbau einer geeigneten Struktur, Öffentlichkeitsarbeit über Medien und Multiplikatoren, Beratung, Einrichtung der ersten Kurse, Schaffung einer kleinen Bibliothek, Materialentwicklung. Netzwerkarbeit und einzelne Seminare zur Weiterbildung von Unterrichtenden, die über den Verband Wiener Volksbildung angeboten werden. 1997 Publikation der Projektdokumentation und Ergebnisse der Ursachenerhebung 1993-1995
1995 Einstellung der Subventionen im Zuge des ersten Sparpaketes, mit Ausnahme der Anstellung. Die VHS Floridsdorf beschließt, die Basisbildung weiterzuführen; sie wird in den Zweiter Bildungsweg integriert und über diesen finanziert.
1997-1999 SOKRATES-ODL-Projekt 'basic skills'. Ziel: Analyse der Rahmenbedingungen für die Implementierung von Computer und Lernprogrammen in der Basisbildung. Als Nebenprodukt entsteht die CD-Rom 'Wort im Bild, Deutsch lesen und schreiben', bedarfsorientiert entwickelt.
Seit Oktober 2000 ESF Ziel 3, die Projekte HASIS + eLOPA: Förderung von Kursen und Entwicklungsarbeit (Lehrgangskonzept + Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit dem Institut für Angewandte Sprachwissenschaft der Universität Wien).
Informationen: http://www.vhs21.ac.at/Basisbildung
BEST-Training
2001 Planung eines Projektes Berufsorientierung mit integrierter Basisqualifizierung, in Kooperation mit AMS Niederösterreich, bzw. SKALA Korneuburg.
Information: http://www.best-training.com
 
SALZBURG Verein AlfaBetisierungCentrum abcSalzburg, Lesen und Schreiben für Erwachsene.
Februar 1999 Gründung; Initiative von Brigitte Bauer
März 1999 erste Kurse; beginnend mit Einzelunterricht, später in Gruppen. Förderungen von ESF, Land Salzburg, Stadt Salzburg Magistrat und AMS -- jeweils jährlich befristet.
2001 Publikationen: Endbericht der zweijährigen Begleituntersuchung und Broschüre mit TeilnehmerInnentexten.
Informationen: http://www.abc.salzburg.at
 
GRAZ ISOP Graz, Innovative SozialProjekte
1995 erste Alphabetisierungs-Initiative und Unterricht
1997 Ausweitung unter 'Neustart Grundbildung' in Kooperation mit dem AMS
1998/1999 ESF-gefördert unter Employment/Integra, verfügt heute über Struktur mit angestellten KursleiterInnen. Steiermarkweite Kurse. 2 Ausgaben der Zeitschrift ISOTOPIA widmeten sich bisher dem Thema Grundbildung. Enge Kooperation mit Betrieben des 2. Arbeitsmarktes (Sozialökonomische Betriebe, Beschäftigungsgesellschaften, Beschäftigungsprojekte), dem AMS und Beratungsstellen.
Informationen: http://www.ibap.at
 
LINZ Volkshochschule Linz und Arbeiterkammer Linz
1995 Projekt Grundbildung: Rekrutierung von interessierten KursleiterInnen und erste Information und Weiterbildung, 1996 Implementierung der ersten Kurse an diversen Volkshochschulen der Arbeiterkammer in OÖ. Kontinuierliches Kursangebot an der Volkshochschule Linz seit 1995, in den anderen Städten teilweise wieder 'eingeschlafen', da fehlende Rahmenbedingungen: zentrale Koordination, Ansprechpersonen und kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit.
2001 Neue Initiative der VHS Projekt: 'Integrativer Lehrgang für soziale Kompetenz und Kommunikation', gefördert vom Land Oberösterreich im Rahmen des Bildungskontos, Individualcoaching und EDV-Basismodul.
Information: http://www.linz.at/vhs
BFI/BBRZ Oberösterreich
2001 Projekt Alfa, gefördert vom Land Oberösterreich, mit Kursen in Linz und verschiedenen Städten Oberösterreichs.
Information: http://www.bfi-ooe.at

Bedarf und Forderungen

  1. Medienkampagnen zur Sensibilisierung von Öffentlichkeit und politischen Entscheidungsträgern; zwecks Erreichen und Entstigmatisierung der Betroffenen.
  2. Implementierung der Thematik in allen Politikbereichen.
  3. Erweiterung der Grundbildungsdiskussion über die Schuldiskussion hinaus.
  4. Mittelfristige Absicherung der existierenden Alphabetisierungsstellen
  5. Umsetzung von kooperativen, vernetzenden und teilnehmerInnenzentrierten Unterrichts- und Beratungskonzepten
  6. Ausbau des flächendeckenden Kursangebotes Österreich weit und auf verschiedenen Ebenen: Erwachsenenbildung, AMS, BFI und berufliche Bildung.
  7. Einbindung der Sozialpartner in die Verantwortung für die Sicherung der Basisbildung der ArbeitnehmerInnen
  8. Schaffung von wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen, die es Betrieben ermöglichen, Partner in einer flächendeckenden Alphabetisierungsoffensive zu werden.
  9. Prävention durch Sensibilisierung und entsprechende Ausbildung/Weiterbildung der GrundschullehrerInnen
  10. Integration des Themas in Curricula von Sozialakademien, LehrerInnenausbildung an Akademien und Universitäten
  11. Entwicklung von Qualitätsstandards für die Alphabetisierungsarbeit, insbesondere eines Berufsbildes "Alphabetisierungspädagoge/in"
  12. Gründung und Sicherung der Grundfinanzierung eines Dachverbandes und Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle
  13. Loslösung der Grundbildung von einem bloß "funktionalen" Konzept, das Bildung als Input für möglichst großen wirtschaftlichen Output ansieht, und Betonung der demokratiepolitisch wichtigen Befreiungs- und Partizipationspotentiale als Folge von erworbener Grundbildung
Die durch Wirtschaftsliberalisierung zunehmend dem Einzelnen zugeschriebene 'Verpflichtung, für sich selbst zu sorgen', entbindet die Regierungen nicht der Verpflichtung, die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Im Sinne von Chancengleichheit und Vermeidung von Ausgrenzung, sind verantwortliche BildungsplanerInnen gefordert, sich den Herausforderungen zu stellen.

September 2001