Brigitta Busch, Cornelia Kogoj, Helmut Peissl
Einleitung
International ist es in den letzten bedien Jahrzehnten im Medienbereich zu großen Veränderungen gekommen, die Auswirkungen auf die Frage Medien und Mehrsprachigkeit haben. Während das Paradigma der nationalen Öffentlichkeit bis in die Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts die Medienlandschaft dominierte, wird es zunehmend durch Prozesse der Privatisierung, Kommerzialisierung und Globalisierung in Frage gestellt. Der Fall des Rundfunkmonopols, der in Österreich Ende der
Neunzigerjahre erfolgte - also später als in anderen europäischen Ländern, hat eine neue Dynamik ausgelöst. Nicht-kommerzielle, private Rundfunkanbieter tragen entscheidend zur sprachlichen Vielfalt des medialen Raums bei. Durch die Neufassung von
Mediengesetzen (2000 und 2001) und die Ratifizierung der Europaratscharta für Regional- und Minderheitensprachen wurden
die rechtlichen Grundlagen neu festgeschrieben.
1. Radio und Fernsehen
1.1 Öffentlich rechtlicher Bereich
Im Rahmen der Neufassung des ORF-Gesetzes vom 31. Juli 2001 wurde ein "Besonderer Programmauftrag" (BGBl I Nr. 83, 5) erlassen, in welchem der ORF verpflichtet wird für "jene Volksgruppen, für die ein Volksgruppenbeirat besteht" ein
"angemessenes Programm" zu senden. Die Sprachen der in Österreich lebenden Migranten werden nicht erwähnt. Um dem
Programmauftrag nachzukommen, kann der ORF auch Kooperationen mit anderen (privaten) Anbietern eingehen. Damit
verwischen sich die Trennlinien zwischen dem öffentlich rechtlichen und dem privaten Sektor. Es kommt zu einem Rückzugs
des Staates aus der Verantwortung. In dieselbe Richtung weisen auch die Verpflichtungen, die Österreich bei der Ratifizierung
der Charta für Regional- und Minderheitensprachen eingegangen ist. Aus den möglichen Artikeln der Charta in Artikel 11
(Medien) wurde kein Paragraph ausgewählt, der Verpflichtungen hinsichtlich des öffentlich rechtlichen Rundfunks enthält. In
den zentralen Programmen des Hörfunks gibt es bereits seit mehreren Jahren keine Programme in Sprachen von MigrantInnen
und Flüchtlingen mehr. Diese Programme sind an das Mittelwellenradio 1476 (Donauradio) ausgelagert worden.
Radio im ORF:
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Slowenisch: ca. 55 Minuten täglich (Radio Kärnten); eine Sendung in slowenischer Sprache
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Brugenlandkroatisch: ca. 41 Minuten täglich (Radio Burgenland); Nachrichten im Tagesprogramm und eine Sendung
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Ungarisch: 20 Minuten wöchentlich (Radio Burgenland)
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Heimat, fremde Heimat in deutscher Sprache für Zuwanderer: 30 Minuten wöchentlich (Radio Wien)
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Nach dem ORF-Gesetz vom Juli 2001 soll das dritte österreichweit empfangbare Hörfunkprogramm "in seinem Wortanteil
vorwiegend fremdsprachig" sein. Gemeint ist damit das Hörfunkprogramm FM 4, das ????????????
Fernsehen im ORF
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Slowenisch: 30 Minuten pro Woche (Studio Kärnten)
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Kroatisch: 30 Minuten pro Woche (Studio Burgenland)
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Ungarisch: vier Mal jährlich 30 Minuten (Studio Burgenland)
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Heimat, fremde Heimat: 30 Minuten wöchentlich (alle Bundesländer außer Kärnten und Burgenland) in deutscher Sprache mit
O-Ton in Originalsprachen (deutsche Untertitel), d.h. in den Sprachen der Migranten und Volksgruppen
Das neue "Bundesgesetz über den Österreichischen Rundfunk (ORF-Gesetz)" vom 31. Juli 2001 beinhaltet im Abschnitt
"Besondere Aufträge" über die Verpflichtung Programme in den Volksgruppensprachen zu produzieren hinaus, auch die, die
Informationssendungen des Fernsehens "nach Maßgabe der technischen Entwicklung und der wirtschaftlichen Tragbarkeit" so
zu gestalten, daß "gehörlosen und gehörbehinderten Menschen das verfolgen der Sendungen erleichtert wird".
In Österreich besteht wie in den anderen Ländern des deutschsprachigen Raums die Praxis, Kinofilme und Fernsehsendungen
zu synchronisieren und nicht in ihrer Originalfassung mit Untertiteln (OmU) zu zeigen. Es gibt in Österreich einen wachsenden
Kreis von Kinobesuchern, der OmU-Filme vorzieht. Es wäre anzuregen, daß der ORF von der starren Praxis abrückt bzw. die
Zweikanaltontechnik benützt, um Filme zumindest teilweise in der Originalsprache zugänglich zu machen.
1.2 Private Anbieter
Mit Sendestart 1998 wurden drei sogenannte Volksgruppenradios eingerichtet. In Kärnten teilten Radio AGORA und Radio
Korotan eine Sendlizenz, wobei AGORA als nicht-kommerzielles Radio einen interkulturellen Schwerpunkt hatte (zweisprachige Sendungen, Sendungen in Serbokroatisch und Spanisch) und Korotan eine kommerzielle Orientierung forcierte und ein
einsprachig slowenisches Programm sendete. Im Burgenland teilte das dreisprachige Radio MORA (Burgenlandkroatisch,
Ungarisch, Romanes) eine Sendelizenz mit (deutschsprachigen) kommerziellen Anbietern und konnte daher nur über eine
Sendezeit von 8 Stunden pro Tag verfügen. 1998 und 1999 erhielten die Volksgruppenradios eine Förderungen aus den Mitteln
der Volksgruppenförderung des Bundeskanzleramts und konnten daraus den Start und den Betrieb während der ersten einenhalb
Jahre decken. Entgegen anderslautenden Zusagen wurde die Förderung bereits 2000 um ein Drittel gekürzt, seit 2001 ist sie
gänzlich eingestellt. Um eine Weiterführung der Volksgruppenradios zu erreichen, stellten die Volksgruppenorganisationen die
Forderung, der ORF solle die wirtschaftliche Basis für die Weiterführung der Radios sichern.
In Kärnten kam es zu einer Kooperation zwischen dem ORF und Radio AGORA/Korotan. Für das Tagesprogramm gibt es eine
eigene Redaktion unter Leitung des ORF. Seit dem Sendestart des nunmehr in Radio2 umbenannten Senders im Juli 2001 wird
von 6-18 Uhr ein Flächenprogramm gesendet: jede volle Stunde Nachrichten in deutscher Sprache, zu jeder halben in slowenischer. Der Musikteppich besteht aus internationalen, deutschsprachigen und slowenischsprachigen Hits der letzten fünf
Jahrzehnte. Der Anteil an Wortsendungen ist zurückgegangen. Zweisprachig moderierte Sendungen gibt es nurmehr in der
Abendschiene von Radio AGORA.
Derzeit sind in Österreich 10 freie Radios auf Sendung, wovon die Hälfte ein Vollprogramm ausstrahlt und die andere Hälfte
Sendefenster von einigen Stunden pro Woche bis zu 12 Stunden pro Tag haben. Die freien Radios haben sich einem europaweitem Trend entsprechend zu jenem Bereich entwickelt, in welchem die größte Sprachenvielfalt herrscht. Einzelne Sender (z.
B. Radio Fro in Linz, Orange in Wien) senden in mehr als 10 Sprachen, die Sendungen in anderen Sprachen als Deutsch
nehmen auf Radio Fro beispielsweise 20% der gestalteten Sendezeit ein. Insgesamt kommen die freien Radios auf 20 Sprachen.
Fast alle freien Radios haben Sendungen in den Sprachen der größeren Migrantengruppen in Österreich wie Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, Türkisch, Kurdisch. Aber auch die Sprachen in Österreich weniger stark vertretener Gruppen wie
Arabisch, Persisch, Vietnamesisch, Portugiesisch, Hindi sind vertreten. Von Migranten aus Afrika wird auf Radio Orange in
Wien eine tägliche mehrsprachige Sendung gestaltet. Nachbarschaftssprachen (Tschechisch, Slowakisch) spielen an manchen
Sendern eine Rolle. Englisch in seiner lingua franca-Funktion wird an mehreren Radios benützt (z.B. Übernahme der BBC-Nachrichten). Der Philosophie der freien Radios entsprechend, HörerInnengruppen zur Sendungsgestaltung zu motivieren und
den Zugang zum Medium offen zu halten, sehen Migrantengruppen die freien Radios als eine mögliche Tribüne. Radiomachen
ist einfacher und billiger als ein Printmedium herauszugeben.
Nachdem sich der öffentlich rechtliche Rundfunk in seinen regulären Programmen aus der Versorgung von Migrantengruppen
immer mehr zurückzieht, sieht der Verband Freier Radios Österreich eine Priorität in der Förderung von Programmen in
anderen Sprachen als Deutsch. Eine besonderes Anliegen ist Weiterentwicklung von zwei- und mehrsprachigen Sendungskonzepten sowie die Förderung eines Sendungsaustauschs zwischen den entsprechenden Redaktionen.
1.3 Empfangsmöglichkeiten für Programme aus anderen Ländern
Die langjährigen Forderungen der Organisationen der Kärntener Slowenen, durch entsprechende Umsetzer den terrestrischen
Empfang der Fernsehprogramme aus Slowenien zu ermöglichen, wurden nicht erfüllt. TV aus Slowenien ist seit Ende der
Neunzigerjahre via Satellit zu empfangen und wird in das Kabelnetz in Klagenfurt eingespeist. Der Empfang von Programmen
in den Sprachen der Nachbarländer bzw. in den Sprachen von MigrantInnen via Kabel und Satellit bietet eine größere Vielfalt.
Doch kann dieses Angebot nicht in Österreich produzierte Sendungen in den Volksgruppen- und Migrantensprachen ersetzen.
2 Printmedien
Für Printmedien der Volksgruppen stehen (bescheidene) Mittel aus der Volksgruppenförderung zur Verfügung und der Zugang
zur allgemeinen Presse- und Publizistikförderung wird für Printerzeugnisse in den Volksgruppensprachen erleichtert (Regelungen über eine Mindestauflagezahl und die Beschäftigung von hauptamtlichen Redakteuren sind außer Kraft gesetzt).
Keine der österreichischen Volksgruppen verfügt über eine Tageszeitung. Regionale täglich erscheinende Printmedien bauen
auch keine Beiträge in den Volksgruppensprachen in ihre Ausgaben ein.
Wochenzeitungen
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Kroatisch: eine Wochenzeitung, Kirchenzeitung in kroatischer Sprache
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Slowenisch in Kärnten: zwei Wochenzeitungen, Kirchenzeitung in slowenischer Sprache
Periodische Druckschriften
In Tschechisch, Slowakisch, Ungarisch und Romanes erscheinen nur Publikationen in vierzehntätigem, monatlichen oder
vierteljährlichem Abstand.
3 Journalistenausbildung / Forschung / Serviceleistungen
In diesem Bereich kann nur auf Mängel hingewiesen werden. Österreich ist im Rahmen der Unterzeichnung der Charta für
Regional- und Minderheitensprachen keine diesbezüglichen Verpflichtungen eingegangen.
Forderungen und Empfehlungen
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Aufnahme von MigrantInnensprachen in den ORF Programmauftrag
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Eine Kooperation des ORF mit privaten Anbietern darf nicht dazu führen, daß Programme in den Volksgruppensprachen aus
den regionalen Regelprogrammen ausgegliedert werden. Es sollten mehr Schnittstellen zwischen Programmen in Minderheitensprachen und Deutsch geschaffen werden wie zwei- und mehrsprachige Hörfunkprogramme, Untertitelung von TV-Sendungen
der Volksgruppenredaktion des ORF in deutscher Sprache (über Teletext zuschaltbar).
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Förderung von freien Radios, bzw. bevorzugte Behandlung bei der Erteilung von Frequenzen und Lizenzen für Medien, die in
Minderheitensprachen senden.
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Die Förderung von Medien in Volksgruppen- und Migrantensprachen muß ausgedehnt werden. Insbesondere soll die Spracharbeit, die diese Medien leisten, abgegolten werden. Eine wesentlicher Schritt wäre der Aufbau einer On-line-Datenbank für
Übersetzungen (Fachterminologie) in den Volksgruppensprachen. (In Frankreich und in der Schweiz bestehen Förderungspraktiken, die als Modell dienen könnten wie z.B. Gebührensplitting.)
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Gezielte Ausbildung von Journalisten mit Migranten- und Minderheitenhintergrund (an den kommunikationswissenschaftlichen
Instituten der Universitäten und am Kuratorium für Journalistenausbildung).
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Unterstützung von Initiativen auf lokaler Ebene, die Jugendlichen (Volksgruppenangehörigen, MigrantInnen etc.) mit dem
Arbeiten mit Film, Fernsehen und Radio vertraut machen.
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